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Die Münchner Kunstakademie zählt bis heute zu den wichtigsten Ausbildungsstätten für bildende Künstler in ganz Europa. In ihrem ersten Jahrhundert war sie – neben Paris und zeitweise auch Düsseldorf - die Kunstakademie in Europa. Wie keine andere zog sie dabei Studenten aus Amerika, aus Nord-, Mittel-, Ost- und Südosteuropa an. Vor allem für Polen, Tschechien und Ungarn war sie von größter Bedeutung. Grundlage aller Forschungsarbeiten, welche die Internationalität der Münchner Kunstakademie in den Blickpunkt rücken, sind die Matrikelbücher, in die alle Studierenden eingeschrieben wurden. Aus ihnen lässt sich herauslesen, wer wann was an der Kunstakademie studierte – darunter Künstlerpersönlichkeiten wie Josef Albers, Giorgio de Chirico, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Franz Marc, Franz von Stuck und viele mehr. Auch wird deutlich, aus welchen Ländern die Studierenden kamen. So erhält man aus den Matrikelbüchern wichtige Daten über die internationale Verflechtung der Akademie, vor allem während ihrer „Glanzzeit“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Keine andere deutsche Kunstakademie kann auf eine derart geschlossene historische Überlieferung zurückgreifen.


1. Die Stammdaten der Bücher

Transkription der Stammdaten

Die Vorbereitung zur digitalen Erschließung der Matrikelbücher begann in den Jahren 2004 / 2005. In diesem Zeitraum wurden die Einträge von zwei in Paläographie spezialisierten Mitarbeitern buchstabengetreu transkribiert und in eine Arbeitsdatenbank überführt.

Insgesamt handelte es sich um 12.688 transkribierte Datensätze aus drei Matrikel-Büchern für den Zeitraum von 1809 bis 1920, in denen folgende Daten erhoben wurden: Matrikelnummer, Name, Vorname, Geburtsort, Stand der Eltern, Eintrittsalter, Fach, „Eigenschaft“ (im ersten und zweiten Matrikelbuch) beziehungsweise „Bemerkungen“ (im dritten Matrikelbuch), sowie Eintritts- und Austrittsdatum des jeweiligen Studierenden; vereinzelt gibt es auch Angaben zu Adresse beziehungsweise Konfession. Auf einer Seite befinden sich in der Regel die Namen von jeweils 10 Studenten. Die Bücher haben zwischen 430 und 600 Seiten.

Die Studierenden haben sich nicht persönlich in die Matrikelbücher eingetragen, sondern wurden von einem Angestellten der Akademie eingeschrieben. Es handelt sich um Handschriften in deutscher Kurrentschrift, die von Zeit zu Zeit wechseln und unterschiedlich gut lesbar sind.

Matrikelbuch und -nummer

Das erste Buch umfasst die Jahrgänge 1809, als der Lehrbetrieb aufgenommen wurde, bis 1841 (Nr. 1 bis 3217), das zweite die Jahrgänge 1841 bis 1884 (Nr. 1 bis 5083), das dritte 1884 bis 1920 (Nr. 1 bis 5893). Jedes der drei Bücher beginnt also wieder eine neue Zählung.

Name

Einige Schülernamen wurden falsch bzw. eingedeutscht geschrieben (z.B. „Georg von Kiriko“ statt „Giorgio de Chirico“). Siehe auch „Normierte Namen (PND-IDs)“ unten.

Geburtsort

Bisweilen wurde nicht der tatsächliche Geburtsort, sondern eine diesem nahegelegene größere Stadt oder der Ort des letzten Aufenthalts angegeben. Paul Klee beispielsweise gab „Gössenheim, Unterfr.“ statt „Münchenbuchsee bei Bern“ an, oder Giogio di Chirico „Athen“ statt „Volos“.

Adressen

Selten sind Adressen der Schüler genannt: einmal 1852, einmal 1853 und durchgehend zwischen 1854 und 1855.

Alter

Die Studierenden gaben nicht ihr Geburtsdatum an, sondern ihr Alter. Zwischen 1827 und 1832 fehlen die Einträge.

Lehrer

Wurde in der Spalte „Fach“ auch der Name eines Lehrers genannt, so wurde er aus seiner Auswahlliste in das Feld „Lehrer bei Eintritt“ eingetragen. Da die Schreibweisen der Professoren in den Matrikelbüchern uneinheitlich sind (z.B. Rümann oder Ruemann, Liezen-Mayer oder Liezenmayer etc.), wurden sie vereinheitlicht. Bisweilen unterrichteten Professoren mit gleichem Nachnamen gleichzeitig an der Akademie. Wenn dabei ihr Vorname nicht genannt wurde, konnte nicht immer eindeutig der Lehrer ausgemacht werden. So konnte etwa „Malschule Seitz“ weder Otto noch Rudolf Seitz zugewiesen werden. Die „Naturklasse Herterich“ sowie die „Zeichenschule Herterich“ wurden Johann Caspar Herterich zugewiesen, während mit „Malschule Herterich“ Ludwig von Herterich gemeint ist.

Eintritts- und Austrittsdatum

Die Inskriptionen laufen nicht streng chronologisch; es gibt gelegentlich Nachtragungen. Austrittdaten wurden nur in Ausnahmefällen festgehalten.

Digitalisate der Stammdaten

Um eine maximale Überprüfbarkeit der Edition zu gewährleisten, wurden alle Seiten der Matrikelbücher gescannt und dem jeweiligen transkribierten Studierenden-Datensatz zugeordnet. Anhand dieser Scans können die Dateneinträge kontrolliert und so die wechselnden Schreibweisen oder bisweilen auftauchende „Ungereimtheiten“ nachvollzogen werden: So wird beispielsweise der Stand der Eltern nicht konsequent angegeben (sie fehlen bis 1824 und zwischen 1827 und 1832), wenige Immatrikulationsnummern enthalten ein zusätzliches „a“ oder „b“, so z.B. „72a“ und „72b“. Es gibt bisweilen Fehler in der Zählung, am Gravierendsten, wenn im zweiten Buch die Nr. 4499 auf Nr. 5000 und im dritten Buch die Nr. 4099 auf Nr. 5000 springen.

2. Anreicherung der Daten

Struktur der Datenbank

Nach der Transkription der Daten in eine einfache Filemaker-Datenbank wurden diese 2006 / 2007 in eine webbasierte Arbeitsumgebung auf der Grundlage des Content Management System Zope und Plone importiert, die neben den importierten Feldern weitere Angaben erlaubte. In dieser Phase ging es wesentlich darum, die Daten aus der Transkription zu normalisieren und zu vereinheitlichen. Es wurde eine hierarchische Ordnerstruktur angelegt, deren Abfolge die Matrikelbücher selbst vorgaben: so wurden drei Verzeichnisse angelegt, jeweils eins für jedes Matrikelbuch, unterteilt in Jahrgänge, in denen sich pro Akademieschüler ein Datensatz befindet, benannt nach Matrikelnummer und Namen, so dass auch ein Browsen in den Datensätzen möglich ist.

Geschlecht

Um die wenigen Frauen, die zwischen 1813 und 1852 an der Akademie der Bildenden Künste München offiziell studierten, herausfiltern zu können, wurde ein Feld für das Geschlecht eingerichtet.

Geburts- und Sterbedaten

Die Felder „Geburtsdatum“, „Geburtsort“, „Sterbedatum“ und „Sterbeort“ wurden zusätzlich bereitgestellt, ohne dass sie sofort systematisch ausgefüllt wurden. Nur wenn eine Information zur Verfügung stand, kam es bereits zum Eintrag. Daten können hier später ergänzt werden.

Konfession

Es wurde ein zusätzliches Feld für die Konfessionen eingerichtet, die seit 1843 in den Matrikelbüchern in der Spalte „Stand der Eltern“ zunächst unregelmäßig, ab 1853 regelmäßig angegeben wurden. Sie waren so differenziert benannt, dass sie in der Gesamtheit von einundvierzig Konfessionsangaben unübersichtlich wurden. Die Zusammenfassung unterschiedlicher Angaben – zum Beispiel „hebräisch“, „israelitisch“, „jüdisch“ und „mosaisch“ – zu einem Oberbegriff – in diesem Fall „israelitisch“ – soll übergreifende Suchen erleichtern. Es erfolgte – in Abstimmung mit dem Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte und Patrologie an der Katholischen Universität Eichstätt, dem Jüdischen Museum München und dem Schura-Rat des Islamischen Zentrums München – eine Reduktion auf die konfessionellen Richtungen „altkatholisch“, „altorientalisch“, „anglikanisch“, „buddhistisch“, „christlich-orthodox“, „evangelisch“, „freireligiös“, „hinduistisch“, „israelitisch“, „katholisch“, „konfessionslos“, „lutherisch“, „mennonitisch“, „mormonisch“, „muslimisch“, „orthodox“, „reformiert“, „shintoistisch“, „unitarisch“ sowie „unklar“.

Fach

Es wurde ein zusätzliches Feld für die gewählte Fachrichtung eingerichtet, da die bestehende Spalte mit über achtzig verschiedenen Einträgen meist sehr differenziert und vielfach mit der Namensnennung des Lehrers erfolgte. Um übergreifende Suchergebnisse zu erzielen, wurden die Eintragungen auf „Angewandte Kunst“, „Antikenklasse“, „Architektur“, „Bildhauerei“, „Druckgraphik“, „Komponierklasse“, „Malerei“, „Naturklasse“, „Vorschule“ und „Zeichnen“ reduziert.

Weitere Lehrer

Das Feld „Weitere Lehrer“ kann für zusätzliche, aus Biographien oder anderen Quellen gewonnene Informationen genutzt werden.

Biographische Angaben

Ein Feld, das mit „Biographische Angaben“ bezeichnet ist, kann formlos weitere Daten aufnehmen, so auch Links zu Webseiten und Informationen von Experten zu dem jeweiligen Künstler. Beispielsweise werden in diesem Feld die Biographien der Künstler, die mit Exponaten in der Ausstellung „’die kraftprobe’. 200 jahre kunstakademie münchen“ im Haus der Kunst in München vertreten sind, zur Verfügung gestellt.

Geographische Informationen

Die zusätzliche Dokumentation von „Herkunftsland heute“ und „Herkunftsland historisch“ bietet – interessant für die Migrationforschung – Informationen zur nationalen und geographischen Herkunft der Studenten. Da die Studierenden bei der Einschreibung keine Nationalitätenangaben machen mussten, war es erforderlich, diese Informationen aus den genannten Orten herauszulesen und über historische Atlanten zu recherchieren.

Die Standardisierung von Ortsinformationen ist heute am sichersten über Geokoordinaten gewährleistet. Dazu wurden Abfrageschnittstellen zum „Getty Thesaurus of Geographic Names“, „Google Maps“ und der „GeoNames geographical database“ geschaffen, mit der Geoinformationen wie die Ansetzung des Ortsnamens sowie die Längen- und Breitengrade recherchiert werden konnten, um so die Daten über „Google Maps“ auf Landkarten darstellen zu können.

Normierte Namen (PND-IDs)

Die angegebenen Personenamen der Transkription mussten normalisiert und vereinheitlicht werden, da nur so konsistente Suchergebnisse gewährleistet werden können. Dabei wurden zwei Normvokabulare zu Rate gezogen, zum einen die Personennamendatei (PND) der Deutschen Nationalbibliothek, zum anderen die Künstlerdaten des DISKUS-Verbundes von Foto Marburg. Bis Ende 2008 wird mit der Unterstützung der Bayerischen Staatsbibliothek eine vollständige Integration der in den Matrikelbüchern verzeichneten Künstlernamen in die PND angestrebt. Durch den Eintrag der jeweiligen Normdatensatznummer ist eine Verknüpfung mit biobibliographischen Projekten im Internet ermöglicht.

Verlinkung auf externe Zieldatenbanken

Da die Akademie aus Kapazitätsgründen in Zukunft nicht alle Biografien, Orte, Länder etc. ihrer ehemaligen Studenten systematisch recherchieren und pflegen kann, soll durch die dynamische Verlinkung auf externe Zieldatenbanken der Zugriff auf die jeweils aktuellsten Daten gewährleistet werden. Durch den Projektpartner der Bayerischen Staatsbibliothek konnte die Einarbeitung in die „Bayerische Landesbibliothek Online (BLO)“ gesichert werden, die eine Personendatenbank für Bayern bereit stellt. Da ein Großteil der Studierenden aus Bayern kam, ist eine Verknüpfung durchaus sinnvoll. Die Verlinkung zum Katalog der Deutschen Nationalbibliothek sowie zu „artlibraries.net“ stellt Informationen zu Publikationen über die jeweiligen Künstler bereit. Die Verknüpfung mit Wikipedia lässt schnell Biographien einsehen. Beabsichtigt ist zu einem späteren Zeitpunkt die Verknüpfung mit der Bilddatenbank von Foto Marburg und offenen Auktionsdatenbanken, so dass Bilder und Marktinformationen zu den Werken der Künstler zur Verfügung stehen.

Suchabfragen

Neben der chronologischen Struktur der bestehenden Ordner sowie der Volltextrecherche ermöglichen weitere Indizes ein differenziertes Suchen, so alphabetisch nach Personennamen sowie nach Herkunftsländern. Dazu wurden die Daten nach Alphabet mit entsprechender Möglichkeit zur Manövrierung vorstrukturiert. Somit sind gezieltere Abfragen und ein Browsen in den Datensätzen geboten. Über eine Suchmaske sind außerdem Recherchen etwa nach Geschlecht, Lehrer, Name, Nationalität, Religion, usw. auch in verschiedenen Kombinationen möglich.

3. Kommentarfunktion

Die Matrikeledition wird durch eine Kommentarfunktion für eingeloggte Benutzer erweitert. Wissenschaftler können einzelne Datensätze kommentieren und ihr Wissen einfließen lassen. Die Edition der Matrikelbücher ist also kein abgeschlossenes Projekt, sondern soll sich im Web weiter entwickeln mit der Chance, sich zu einer europäischen „Migrationsenzyklopädie“ zu entwickeln. Die Kommentare sind als eigene Objekte an die Datensätze angehängt. Das erlaubt zum einen eine eindeutige Trennung von der Editionsarbeit der internen Mitarbeiter, zum anderen lassen sich Kommentare als eigene Objekte besser filtern. Damit sind die laufend vorgenommenen Änderungen redaktionell besser zu überblicken.

München, im April 2008

Birgit Jooss